23.11.2007

Kunst: Mit Haifischen Vögel abschrecken

Von Nick Lüthi um 07:19 [ Nick Lüthi ]
Grosse Worte, die ich da lese: Kunst! Demokratie! Und erst die beiden zusammen. Ihr umschifft sie leider, meine geschätzten Pingpongpartner, die Demokratisierung der Kunst.

Nick Lüthi (Bild Manu Friederich)Auf dem von euch gezeichneten Zerrbild herrscht dann Demokratie, wenn geballte Talentfreiheit die Bühne entert. Ein rhetorischer Popanz natürlich, den ich gerne abschiesse. In dem Sinne, und nur in diesem, stimme auch ich in den Chor ein: «Gehen Sie mir weg mit der Demokratisierung der Kunst!» Wenn alle einfach mal dürfen, hat das aber genauso wenig mit Demokratie zu tun, wie wenn sich Freibier auf Freiheit reimen soll.

Steht es denn wirklich so schlecht um die Kunst, die Demokratie und die beiden zusammen, dass es sich lohnt, nun auch noch eine dritte Pingpongkolumne dem Thema zu widmen? Vielleicht. Zumindest eine Frage hat bis jetzt noch niemand gestellt, die zu beantworten sich lohnt. Wer hat zu welchen Bedingungen Zugang zur Kunst? Als Künstler zu einer Plattform, wo er Aufmerksamkeit erhält, und als Betrachter möglichst ungehinderten Zugang zum Kunstschaffen. Wo sind diese beiden Bedingungen besser erfüllt als im öffentlichen Raum? Die Strasse als einziges wirklich freies Medium für Kunst. Und tatsächlich. Wer mit offenen Augen durch Bern geht, entdeckt Kunstwerke am Laufmeter. Zum Beispiel die «Space Invaders». Seit fast zehn Jahren zieren die aus kleinen quadratischen Fliesenplättchen zusammengeklebten Mosaike mit Motiven aus dem historischen Videospiel zahlreiche Mauerecken.

Keines der kleinen Kunstwerke schreit einen an und sagt: Hallo hinschauen, interpretiere mich, ich bin wichtig, mich kann man kaufen! Nein, Street Art ist leise, ja geradezu diskret, will beiläufig entdeckt werden, en passant aus dem Augenwinkel. Nach einer ersten flüchtigen Wahrnehmung folgt ein zweiter, bewusster Blick, der erst die volle Pracht des Kunstwerks offenbart. Genau so erging es mir unlängst beim Überschreiten der neuen Bollwerk-Passerelle in Bern. Die schwarzen Vogelsilhouetten auf den Glaswänden hielt ich erst einmal für die übliche Abschreckungsmassnahme gegen unerwünschte Glas-Tier-Zusammenstösse. Doch halt: Haifische und Flugzeuge zum Vögel abschrecken? Noch nie gesehen. Kunst am Bau? Sehr wohl, aber nicht von der Stadt als Baumeisterin der Fussgängerbrücke bestellt. Hier haben Unbekannte ein weiteres Gehege des weltweiten «Windowzoo» eröffnet. Seit drei Jahren wächst und wächst dieser Fensterscheibentierpark. Ob in New York, Zürich, Tokio – oder nun eben auch in Bern – wo immer sich Glasflächen zur Verzierung anbieten, finden sich flinke Künstlerinnen und Künstler, die ihren Klebefoliengeschöpfen ein neues Zuhause im öffentlichen Raum geben.

Ich höre schon den Einwand: Und das soll Kunst sein? Sachbeschädigung! Gemach. Erstens will nicht jeder, zweitens kann nicht jede. Denn Street Art erfordert, wie jede Kunst, zuerst einmal Können. Und schliesslich drittens. Der «Windowzoo» bewegt sich ganz auf der Höhe das Zeitgeists. Die Folien lassen sich praktisch ohne Rückstände entfernen.

Zum Schluss, um die Debatte anzuheizen: Es gibt übrigens auch grossartige Street-Art-Werke, die sich nicht so einfach entfernen lassen, etwa die aufgeklebten «Space Invaders» oder vereinzelt auch Graffitis.

Kommentare

signora pergoletti
2007-11-23 13:13:42

Auf dem von euch gezeichneten Zerrbild herrscht dann Demokratie, wenn geballte Talentfreiheit die Bühne entert.

Dieses Zerrbild zeichne nicht ich, werter Herr Lüthi. Die "Demokratisierung der Kunst" wird oft als positives Argument ins Feld geführt, wenn es um irgendwelche Castingshows oder Youtube-Filmchen geht. In dem Sinne war dies ein Zitat.

Roger - roger.fischer [at] kaywa.com - http://id.kaywa.com/roger
2007-11-30 09:09:39

Space Invaders in tha street kann auch so aussehen. Bald mehr;)

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