08.2.2008

Helfen, die Hintertür zu schliessen

Von Nick Lüthi um 08:56 [ Nick Lüthi ]
Schöne Grüsse ins Ötztal, Herr Vifian! Aus dieser Formel spricht kein Neid: Auch hier scheint die Sonne, und Pulverschnee liegt bestimmt irgendwo in den Schweizer Alpen. Ausserdem ziehe ich das nahe Zermatt dem fernen Österreich zum Skifahren vor. Des Weiteren hätte ich auch gar keine Zeit, mich vom Bildschirm zu entfernen. Mich fesselt derzeit nämlich ein Werbekrimi. Interaktiv und kollektiv. Man liest nicht nur, sondern schreibt und recherchiert gemeinsam mit anderen. Mit Literatur hat das Ganze nichts zu tun. Zu real, zu gegenwärtig ist das Thema. Mord und Totschlag kommen nicht vor, dafür geht es um Geld, um viel Geld. Vor allem aber um Aufmerksamkeit.

Nick Lüthi (Bild Manu Friederich)Die Vorgeschichte geht so: Ein Unternehmen aus der schweizerischen Telekommunikationsbranche will ein neues Produkt verkaufen, sagt das aber nicht offen und versucht stattdessen, mit unkonventionellen Mitteln Spannung aufzubauen. Dazu lässt die Firma junge Leute anheuern, die gerne den Hampelmann machen, indem sie, unverständliche Parolen skandierend, durch die Stadt flitzen und sich dabei filmen lassen oder irgendwo hoch oben in den Alpen ein Transparent entrollen, auf dem verklausuliert eine Verkaufsbotschaft zu lesen ist.

Die Filmchen, im Stil von Bekennervideos im Internet veröffentlicht, sollen die Neugier wecken. Eine unbekannte politische Organisation, so suggerieren die Werbeprofis, fordere kostenlosen Zugang zum Internet: «Free Internet» lautet der Slogan. In Tat und Wahrheit läuft hier eine geschmierte Werbemaschine, die sich der Mittel und Bildsprache von Protestbewegungen bedient – Che Guevara inklusive. Doch wer steckt dahinter?

Hier beginnt der Krimi. Wie kann erreicht werden, dass die Pseudo-Protestler als das betrachtet werden, was sie sind – nämlich als tumbe Werbekasperl und nicht als Idealisten mit hehrem Anliegen? Was eine Person allein nie schaffen würde, haben ein gutes Dutzend Gleichgesinnte erreicht: Mit einer Kollektivrecherche haben sie Puzzleteilchen um Puzzleteilchen aufgestöbert und im Internet zu einem Bild zusammengesetzt. Allmählich kristallisiert sich heraus, wer hinter dieser Guerilla-Werbekampagne stecken könnte.

Da ich als Journalist normalerweise allein recherchiere, erlebte ich die Teilnahme an diesem Gemeinschaftswerk mit zwiespältigen Gefühlen. Habe ich mich mit einer Sache gemein gemacht und die professionelle Distanz abgelegt? Gut möglich. Vielleicht habe ich weniger als Journalist, eher als Konsument gehandelt. Denn als solcher mag ich nicht veräppelt werden. Und die Masche, «Protestbewegungen» zu erfinden, um ein Produkt zu verkaufen, finde ich etwas vom Unsympathischeren, was die Werbebranche hervorgebracht hat.

Doch letztlich war mein kurzer Einsatz gegen die Pseudo-Guerilla sehr wohl journalistisch motiviert. Denn das Ziel solcher verdeckter Werbekampagnen ist es, teure Werbeplätze in den Medien zu umschiffen und als Virus direkt in Redaktionen einzudringen, wo Journalisten ernsthaft über die «Anliegen» solcher «Bewegungen» berichten. Im Fall der «Free Internet»-Kampagne ist diese Hintertür nun zu.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «klartext». Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

Kommentare

crimson
2008-02-08 14:01:21

ist es schlussendlich nicht so, dass die «tumbe werbekasperl» genau das erreicht haben was sie wollten? es wird spekuliert und brav gebloggt. wer sind hier also die «kasperl»...

Nick - http://www.klartext.ch/blog
2008-02-08 15:29:05

Zumindest teilweise gebe ich dir recht, Crimson. Da aber nicht geschwiegen wird, schon gar nicht in der Blogosphäre, muss die Diskussion wenigstens so geführt werden, dass sie die Strategie der Werber unterläuft. Und das war hier der Fall. Nur zu gerne hätte es Sunrise gesehen, wenn ihr Name nicht so schnell ins Spiel gebracht worden wäre und die Medien erstmal sachlich und ausgewogen über diese «Protestbewegung» berichtet hätten. Nach dem Motto: Erstmal im redaktionellen Umfeld die bestellten Fakten platzieren, um dann mit dem passenden kommerziellen Angebot reagieren zu können. So läuft Guerilla-Marketing.

LL-xXx
2008-02-09 17:53:57

EyEy Crimson,

wie musst Du frustriert sein.." die Masche, «Protestbewegungen» zu erfinden, um ein Produkt zu verkaufen, finde ich etwas vom Unsympathischeren".. Was genau ist daran unsympathisch, anstatt im MTv auf der Strasse Werbung zu machen?! Gehört die Strasse den alt 68ern, Chaoten und SVP-Fahnenschwingern?!
Nimm doch mal kurz Luft, und nimm die Sache etwas gelassener..Danke!

xxx

LL-XXx
2008-02-09 20:29:47

Ach der Fasser dieses tollen Blogs nennt sich ja Nick ..nicht Crimson.. Sorry Crimson..meinte natürlich den Herrn N. Luethi..
xxx

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