25.3.2008

Pingpong-Kolumne nicht mehr als Blog

Von Manuel Gnos um 10:09 [ Allgemeines ]
Die Pingpong-Kolumne ist weiterhin auf dem eBund greifbar, allerdings nicht mehr in Form dieses Blogs. Am Erscheinungstag der Kolumne in der Zeitung kann die Kolumne über www.ebund.ch/bund im Ressort «Meinungen» abgerufen werden, danach ist sie noch während 30 Tagen über www.ebund.ch/archiv verfügbar.

Die bisherigen Blog-Inhalte sind über den direkten Link zu finden: pingpongblog.espace.ch/.

14.3.2008

Suzie Quatro im Entlebuch

Von Grazia Pergoletti um 09:07 [ Grazia Pergoletti ]
Ja, werte Pingpöngler, dass Internetfreundschaften keine echten Freundschaften ersetzen, darin sind wir uns wohl einig. Und ich frage mich manchmal, ob es tatsächlich so viele Leute gibt, die dieser Illusion erliegen. Meine Tochter zumindest trennt da ganz klar: Die Internetclique dient dazu, Stilfragen zu klären. Und sich dabei selbst immer wieder neu zu erfinden, an einem Selbstbild zu basteln, indem man sich ein virtuelles Umfeld zulegt, in das man sich gerne einreiht. Im Falle meiner Grossen eine Bande von gepiercten Extremseitenscheitlern, mit denen man sich prima über die Vorzüge diverser Haarpflegeprodukte und Kajalstifte austauschen kann. Wer jetzt an Tokio Hotel denkt, liegt allerdings meilenweit daneben: Nein, die gehen eben gerade gar nicht!

Grazia Pergoletti (Bild Franziska Scheidegger)Eine Art Stilpolizei ist man sich gegenseitig. Gut, dieser Aspekt spielt natürlich auch in wahren Freundschaften eine Rolle, ganz besonders in jungen Jahren. Ich bin in einem Block in Basel aufgewachsen, im selben Haus wohnten zwei Schwestern, wir waren beste Freundinnen, solange ich denken kann. Gemeinsam sind wir von Abba direkt zu AC/DC übergewechselt. Ein grosser Schritt, den eine alleine womöglich nicht gewagt hätte. Zu dritt aber konnten wir die chorgeschwängerte Popvergangenheit mitsamt den Riesenpostern einfach auf den Müll schmeissen und von einem Tag auf den anderen so tun, als hätten wir nie etwas anderes gemacht, als zum Geschrei von Bon Scott die Mini-Vague geschüttelt, mit einem für Vierzehnjährige ziemlich gefährlichen Ausdruck auf dem Gesicht.

In dieselbe Abteilung gehören auch stundenlange Trainings im In-die-Luft-Springen-und-sich-auf-die-Knie-fallen-Lassen, zum 2-Akkord-Hit «Ça plane pour moi» von einem mageren Nervenbündel namens Plastic Bertrand. Der Meniskus lässt grüssen, ich darf gar nicht dran denken!

Etwa zur gleichen Zeit durchlebte eine andere beste Freundin von mir, die ich allerdings erst sehr viel später kennenlernen sollte, ähnliche Entwicklungsschübe, allerdings machte sie das alles alleine durch, die Arme. Sie wuchs nämlich auf einem Bauernhof im Luzernischen auf und fühlte sich von A bis Z missverstanden und fehl am Platz. Diesem Gefühl, zu Höherem berufen zu sein, verlieh sie Ausdruck, indem sie sich a) konsequent weigerte, den Stall zu betreten, weil «es dort stinkt», und b) indem sie die Boxen ihrer Anlage auf den Fenstersims stellte und in einer höllischen Lautstärke Suzie Quatro ins Entlebuch hinaus brüllen liess. Ich weiss nicht, ob die Kühe wirklich Notiz nahmen von ihrem Protest. Jemand anderes war weit und breit nicht zugegen, dem sie hätte auf die Nerven fallen können damit.

Im echten Leben scheint es mir, sind es oft gerade die Unterschiede, die einem bei einer Freundin oder einem Freund berühren und zu Respekt, Bewunderung und Mitgefühl Anlass geben. Wie jemand etwas bewältigt hat, zum Beispiel. Nebst dem gemeinsam strapazierten Meniskus, natürlich.

Grazia Pergoletti ist freie Autorin und Schauspielerin. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

10.3.2008

Funktional – und funktionierend

Von Christine Schaad-Hügli um 14:53 [ Christine Schaad-Hügli ]
Sie beklagen die internette Beliebigkeit der Kontakte, Herr Lüthi, und ich bin da ganz bei Ihnen. Freundschaft und Funktion sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Eine Auskunftsperson hat für den Journalisten eine Funktion, und auch wenn Sie sich mögen, hat das nichts mit Freundschaft zu tun.

Christine Schaad-Hügli. (Bild Adrian Moser)Funktionale Beziehungen sind aber beileibe nichts Schlechtes, wir alle pflegen eine Vielzahl davon – zu Kunden, zu Nachbarn, zu Mitarbeitern oder Lieferanten. Wenn die Funktion wegfällt, ist meist auch die Beziehung zu Ende.

Glauben Sie nicht? Erinnern Sie sich an die Begegnung mit der ehemaligen Arbeitskollegin, mit der Sie sich immer so gut verstanden haben? Sie haben dann die Stelle gewechselt, und jetzt kreuzen Sie sich zufälligerweise am Samstagvormittag in der Stadt.

Sie freuen sich und beginnen zu tratschen. Die anderen Arbeitskollegen sind Thema Nummer eins: was sie machen, wie es ihnen geht, wer noch dabei ist, wer nicht, vielleicht schwelgen Sie gemeinsam in ein paar Erinnerungen, lachen über die immer noch gleichen Marotten des Chefs – wunderbar. Im besten Falle erkundigen Sie sich gegenseitig noch übers die aktuelle Stelle, aber dann ist Verabschieden angesagt.

Worüber wollen Sie nachher noch reden? Politik? Wetter? Mode? Kunst? Oder gar über Ihre persönlichen Befindlichkeiten, Ihre Gefühle und Probleme? Bloss nicht! «Man sieht sich», lächelt freundlich – und tschüss.

Ausnahmsweise kann es auch anders laufen. Meine wertvollste Freundschaft begann mit einem handfesten Krach. Sie war noch ziemlich neu in der Firma, voller Elan und Ideen, und sie wollte meine Mitarbeit für eines ihrer Projekte. Sie erklärte mir zügig, was ich darin zu tun hätte, steckte meinen Rahmen eng und deutlich ab, ich war erbost. Einen ersten Kontakt könnte man weiss Gott offener gestalten.

So zog ich denn meinerseits die Register des Imponiergehabes und wies die Besucherin in ihre Schranken. Was sie sich selbstverständlich nicht bieten liess: Wir trennten uns im Streit. Immerhin vereinbarten wir einen Termin zum gemeinsamen Mittagessen: Vielleicht fände sich doch noch ein kleiner gemeinsamer Nenner auf der Sachebene. Waffenstillstand, sozusagen. Ihr Chef wollte unbedingt zum Essen mitkommen und schlichten, was wir mit Entrüstung von uns wiesen.

Bei Suppe und Salat kamen wir uns näher. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten, stellten beiderseitig Ehrgeiz und Temperament fest, fanden Ähnlichkeiten in Ansichten und Absichten – beim Kaffee waren wir per Du. Das gemeinsame Projekt kam zustande, ein weiteres folgte. Achtung und Respekt füreinander wuchsen. Die Zusammenarbeit wurde immer besser, die Beziehung tiefer. Sie wie ich haben uns seither mehrmals beruflich verändert, die Wertschätzung und Freundschaft ist geblieben.

Ein paar Stürme hat die Beziehung auch schon überstanden, und sie hat zudem eine ganz bezaubernde internette Seite: Von kaum jemandem bekomme ich bessere, lustigere, boshaftere und deftigere Fun-Mails als von ihr!

[i] Christine Schaad Hügli ist Juristin und Unternehmensberaterin. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

07.3.2008

Raus aus dem Laden – und dem Internet

Von Nick Lüthi um 08:42 [ Nick Lüthi ]
Nur damit kein falscher Eindruck entsteht, meine lieben Pingpong-Partner. Mein Sozialleben halte ich für absolut intakt. Die Tatsache, dass ich nie wieder Musik in einem Plattenladen, sondern nur noch im Internet erwerben werde, sagt möglicherweise weniger über meine Person aus als über die Befindlichkeit der Musikindustrie. Doch lassen wir das. Auf bewusstlos Darniederliegende tritt man nicht weiter ein.

Nick Lüthi (Bild Manu Friederich)Interessanter finde ich dagegen den unterschwellig anklingenden Vorwurf, mit meinen Kaufgewohnheiten verhalte ich mich irgendwie asozial. Interessant vor allem deshalb, weil ich mir genau dasselbe anhören musste, nachdem ich mich Anfang Jahr aus diversen sogenannt sozialen Netzwerken im Internet wie Facebook, Xing, Orkut und wie sie alle heissen verabschiedet hatte. Wie Sie sehen, Herr Vifian, ich kehre nicht nur dem Plattenladen den Rücken, sondern auch dem Internet.

Denn am Sinn dieser überpopulären Kontakt- und Vernetzungsplattformen und vor allem: an einem möglichen Nutzen für meinen (Berufs-)Alltag zweifelte ich bereits, bevor ich selbst dabei war. Als mich dann vor drei Jahren ein iranischer Blogger zur Mitgliedschaft bei Orkut eingeladen hatte, wurde meine Skepsis umgehend bestätigt. Plötzlich boten mir unbekannte Menschen brasilianischer Herkunft ihre Freundschaft an. Auch bei Facebook sollte es mir nicht besser ergehen. Wildfremde Menschen warfen sich mir virtuell an den Hals, forderten mich auf, eine Liste mit meinen Lieblingsfilmen auszufüllen.

Mit meinem Beruf sind Facebook & Co. nicht kompatibel. Wer als Journalist sein Kontaktnetz offenlegt, setzt sein wichtigstes Kapital aufs Spiel. Nicht wenige meiner Kontakte oder «Freunde» haben mir schon mal eine Auskunft gegeben, sind also Informantinnen und Informanten. Die muss ich schützen als Journalist. Sonst handle ich fahrlässig.

Zudem will ich nicht, dass Auskunftspersonen Freunde werden. Und überhaupt: Weshalb sollten online andere Regeln im Umgang mit Vertrauenspersonen gelten als ausserhalb des Internets? Ein Freundeskreis ist etwas Privates, Intimes, egal ob online oder offline. Oder finden Sie Menschen sympathisch, die mit der Anzahl ihrer Freunde prahlen?

Vielleicht haben wir es bei diesen sozialen Netzwerken auch nur mit einem vorübergehenden Phänomen zu tun. Das zumindest glaubt der kanadische Autor Cory Doctorow. Facebook werde enden, wie seine Vorgänger: Erstickt am eigenen Erfolg. Je mehr Menschen sich in diese Netzwerke einklinken, desto höher die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen, dass er sich in unangenehmen, ja oberpeinlichen Situationen wiederfindet.

Dann etwa, zeigt Doctorow anhand eines besonders drastischen Beispiels, wenn Schüler entdecken, dass die Freunde ihrer Lehrerin alles sonnengebräunte Hippies sind, die nackig und unter Drogeneinfluss durch die Wüste von Nevada hüpfen. Solche Peinlichkeiten bleiben mir zum Glück erspart. Doch soll nun niemand einen falschen Schluss ziehen. Nur weil ich raus aus dem Netz bin, gehe ich nicht wieder rein in den Plattenladen.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «klartext». Unsere
Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

03.3.2008

Second Life killt Tastsinn

Von Christian Vifian um 17:15 [ Christian Vifian ]
In den letzten drei Kolumnen sind nicht gerade Welten, aber immerhin Weltansichten frontal aufeinandergeprallt: Da ist einerseits Herr Lüthi, der dem realen Plattenladen nichts mehr abzugewinnen vermag und dem virtuellen Musikhaus im Internet ganz klar den Vorrang gibt. Frau Schaad dagegen schwört auf die erlebbare Sinnlichkeit in den real existierenden Ladengeschäften, da man dort die gewünschten Dinge noch anfassen und in der Hand drehen kann. Frau Pergoletti doppelt nach und liefert (bewusst oder unbewusst) ein weiteres Argument für die Bedeutung des «Lädelens» in eben diesen real existierenden Kaufhäusern: Diese Läden sind ganz einfach auch Begegnungszentren für Menschen.

Christian Vifian (Bild Adrian Moser)Lieber Herr Lüthi, ich werde jetzt keinesfalls ein Hohelied auf die «gute alte Zeit» anstimmen, denn früher war nicht einfach alles besser. Die moderne Technologie hat uns Menschen sehr viele Annehmlichkeiten gebracht, auf die auch ich nicht mehr verzichten möchte. Trotzdem ist ein gewisser kritischer Geist den technologischen Fortschritten gegenüber angebracht, vor allem dann, wenn uns ein vermeintlicher Fortschritt von der Realität fortzubringen droht.

Hartmut von Hentig hat diese Erscheinung bereits Mitte der Achtzigerjahre in seinem Buch mit dem treffenden Titel «Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit» in die öffentliche Diskussion gebracht. In seinem neuesten Buch revidiert der Pädagoge von Hentig seine 1984 vorgetragene These und spricht heute sogar von der «mutwilligen Vertreibung der Wirklichkeit». Damit meint er, dass die technische Zivilisation den Menschen in immer höherem Masse zu instrumentalisieren versucht. Der Mensch, der nach Hentig zusehends zum «Expertensystem» auf zwei Beinen mutiere, verliere dadurch immer mehr das Verständnis für die Realität, die konkrete Welt mit all ihren Brüchen.

Mit dem Aufkommen und der rasanten Verbreitung von virtuellen Realitäten ist ein völlig neues, aber sehr ernst zu nehmendes Phänomen aufgetaucht. Immer mehr Menschen, vor allem junge, versuchen ihre Probleme nicht mehr in der realen, sondern in einer virtuellen Realität (VR) zu lösen. Die virtuellen Welten suggerieren Machbarkeit. So ist es nicht erstaunlich, dass deren Anhängerschaft fast explosionsartig zunimmt. Stunden, ganze Tage und mitunter Wochen verbringen wachsende Teile der Bevölkerung in Welten wie «World of Warcraft» oder «Second Life», um nur zwei davon zu nennen.

Die damit verbundene, schleichende Realitätsverschiebung birgt zusätzlich auch die Gefahr der Entsinnlichung im Sinne einer Vernachlässigung von Sinnen, wie Geruch oder Tastsinn. Bereits kann nachgewiesen werden, dass bei «VR-Freaks» diese unbewusste Vernachlässigung von Sinneseindrücken letztlich zu einer Veränderung des Repertoires von menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten führt.

Ergo: Technischer Fortschritt ja, aber nicht wenn er gleichzeitig sozialer Rückschritt bedeutet. Somit bekenne auch ich mich zu Begegnungszentren im Sinne von realen Ladengeschäften.
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Christian Vifian ist Direktor der Wirtschafts- und Kaderschule KV Bern. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

29.2.2008

Knisternde Platten, knackende Knochen

Von Grazia Pergoletti um 06:00 [ Grazia Pergoletti ]
Arrrgh! Plattenladen! Bei diesem Thema blockieren sogleich meine Rippengelenke wieder, die mir ein Engel mit Betätigungsfeld Chiropraktik heute früh so schön freigeknackt hat, werte Frau Schaad, werter Herr Lüthi! Wie man sich in einem Plattenladen langweilen kann, ist mir ein Rätsel. Ungefähr wie wenn man einem YB-Fan sagen würde, dass man Fussball überholt findet.

Grazia Pergoletti (Bild Franziska Scheidegger)Wobei Sie ja wohl eher von einem CD-Shop sprachen. Schallplattenläden gibt es allerdings auch immer noch, bis vor kurzem sogar einige (Ah! Meine Rippen!). Und ich meine diese schwarzen runden Dinger mit zirka 30 Zentimetern Durchmesser, die in grösseren Mengen verteufelt schwer sind. Vor allem, wenn man morgens um vier vom Auflegen (nicht Einlegen!) zurückkommt und an einen Taxifahrer geraten ist, der weder ein Gentleman ist, noch grundsätzlich etwas von körperlicher Betätigung hält.

Gut, vielleicht war es früher sogar noch lustiger. Zum Beispiel als im «Swing» noch ein Verkäufer arbeitete, der die Leute dazu brachte, vorzusingen, wenn sie ein Stück suchten, von dem sie den Titel nicht wussten. Und zwar liess er sie möglichst lange singen. «Aha, mhm, kommt wir irgendwie bekannt vor, aber kannst du vielleicht noch eine Strophe?», sagte er, auch wenn er längst wusste, um welchen Song es sich handelt.

Ganz zu schweigen von noch viel weiter zurückliegenden Zeiten, als man in einem Schallplattenladen namens «Scherbenhaufen» jedes Mal mit Verachtung überschüttet und gemassregelt wurde, wenn man es wagte, eine Scheibe zu kaufen, die dem Typen hinter der Theke nicht passte. Was bei mir immer der Fall war.

Ich gebe es ja zu, Vinyl-Nostalgie, Schallplattenschlepperei und Rückenschmerzen passen irgendwie zusammen. Vielleicht sagen mir diese drei Komponenten, dass ich in meinem Leben etwas ändern und mit einigen ewig gestrigen Stylecredos aufräumen sollte.

Fortan würde ich dann bequem zu Fuss, meinen Laptop unter dem Arm, in die Clubs und an die Feste spazieren, die mich für die musikalische Unterhaltung gebucht haben. Einen Taxifahrer bräuchte ich nicht mehr, einen Schallplattenverkäufer auch nicht, Plattenspielerhersteller könnten ebenfalls umschulen, und meine Chiropraktikerin würde fortan hoffentlich andere Rücken bearbeiten, aber nicht meinen.

Ich sehe jede Menge Arbeitslosigkeit, die da auf uns zukommt, falls ich den Schritt ins schallplattenlose Zeitalter doch noch mache. Aber gut, Arbeit gibt es ohnehin immer weniger in unseren Breitengraden, und ich bin sowieso der Meinung, dass wir langsam lernen sollten, mit weniger Arbeit auszukommen und es zu geniessen, anstatt durchzudrehen.

Vielleicht sollte jemand mit einer Vinylsammlung und knackenden Knochen auch überhaupt nicht mehr Auflegen, sondern sich mit guter Literatur in einen dreissigjährigen Wellnessurlaub nach Vals begeben. Diese Variante werde ich mir auch überlegen, aber nur, wenn ich einen Taxifahrer finde, der mir die schwere Literatur auch aufs Zimmer schleppt.

Grazia Pergoletti ist freie Autorin und Schauspielerin. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

25.2.2008

Sinnlicher Glanz im trüben Laden

Von Christine Schaad-Hügli um 15:25 [ Christine Schaad-Hügli ]
Nun soll Michael Jackson gar für den Niedergang des lokalen Detailhandels herhalten! Der gestrauchelte King of Pop als Totengräber des einheimischen Gewerbes. Wohl kann ich Ihren Unmut verstehen, Herr Lüthi, wenn Sie, trotz Bewaffnung mit Gutschein, im Musikalienladen nicht fündig werden. Und wenn es gar um «Thriller» geht, dann erst recht. Ich erinnere mich noch gut, wie elektrisiert ich vor dem Radio sass, als ich «Thriller» zum ersten Mal hörte. «Thriller» klingt auch heute noch frisch, heiss und knackig, was beileibe nicht bei jedem Hit aus den Achtzigern der Fall ist.

Christine Schaad-Hügli. (Bild Adrian Moser)Auch der Plattenladen als Ort des Probehörens hat viel an Frische verloren, Sie haben ja recht. War der Plattenladen in den Achtzigern noch ein Ort des coolen Flirtens, hat sich das Flirten ins Internet verschoben, so wie der Erwerb von Musik, Ramsch und Nadelstreifenanzügen. Alles nur ein paar Mausklicks entfernt, zugänglich zu Tag und zu Nacht, endlose Auswahl versprechend und Tilgung jeglichen Gelüsts beschwörend.
Das erinnert mich an eine Diskussion, die wir in den Neunzigern mit einiger Hitzigkeit geführt hatten. E-Commerce war Stich- und Zauberwort.

Die einen prognostizierten den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Ladengeschäftes an sich. Tomaten und Blusen, Bücher und Autos, Reisen und Versicherungen – alles würde in naher Zukunft nur noch online erworben werden. Kundenkontakt gäbe es nur noch elektronisch, weltweiter Preisvergleich wäre die Regel, die umfassende Verfügbarkeit des globalen Warenangebotes würde den lokalen Handel in Kürze hinfällig werden lassen.

Die anderen – und zu denen zählte auch ich – winkten ab und verwiesen auf die lange Geschichte des Versandhandels. Das erste Versandhaus überhaupt war eine Pariser Buchhandlung, die 1681 spezialisierte Kataloge publizierte. Bereits im 18. Jahrhundert wurden in Frankreich neben Büchern beispielsweise Musikinstrumente, Werkzeuge, Damenmoden und Blumenzwiebeln versandt. Auch Harrods war seit dem 19. Jahrhundert im Versandhandel tätig, im Jahr 1871 stiegen die Gebrüder Ackermann aus Entlebuch ein, 1897 folgte Jelmoli. Heute kommt das Angebot nicht mehr zwingend auf Papier ins Haus, sonst hat sich nicht viel geändert. Wer lieber in Katalogen blättert als durch Regale streift, hat das schon früher gemacht und wird es weiterhin tun. Schon der Katalog war 24 Stunden verfügbar, und die Lieferung ins Haus ist auch nicht neu.

Ob auf Papier oder in elektronischer Form: Dem Katalog fehlt aber eindeutig die Sinnlichkeit. Deshalb wird es das Ladengeschäft weiterhin geben. Dinge anfassen, in der Hand drehen, probehalber schon mal «haben» – das geht nur im Geschäft. Und wenn Sie, Herr Lüthi, diese aparte Dunkelhaarige mit dem knallgrünen Béret, die soeben mit der neusten CD von Amy Winehouse und Axelle Red zum Probehören geht, wenn Sie die mal fragen, warum sie gerade diese beiden Künstlerinnen gewählt hat . . . Dann bekommt der trübste Plattenladen sinnlichen Glanz!

[i] Christine Schaad-Hügli ist Juristin und Unternehmensberaterin. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

22.2.2008

Schuld ist Michael Jackson

Von Nick Lüthi um 08:35 [ Nick Lüthi ]
Wenn jemand, wie Sie Herr Vifian, nicht alle Bars der Stadt kennt, finde ich das nicht weiter tragisch. Was aber, wenn unbekannt und fremd erscheint, was einem lange vertraut war? Wenn nur noch nutzlose Kulissen stehen, wo einst dank prall gefüllter Bücherregale und Plattenauslagen die Stunden nur so zerrannen. Ich mag mich nicht daran erinnern, wann mir letztmals eine Musik-CD über die Ladentheke gereicht wurde und ich sie nicht aus einem Kartonumschlag geklaubt oder die Töne gleich ohne Verpackung per Tastendruck meiner Musiksammlung hinzugefügt habe.

Nick Lüthi (Bild Manu Friederich)Nur noch selten sind die Momente, wo der Gang in den Laden unverzichtbar scheint. Etwa dann, wenn ein Tonträger als besonders hübsch gestaltetes physisches Objekt daher kommt und das digitale Äquivalent ausnahmsweise alt aussehen lässt. Oder wenn die Zeit knapp ist und die dringend benötigte Lektüre nicht erst am übernächsten Tag aus dem Briefkasten geholt werden will. Ehrlicherweise muss ich hier anfügen, dass sich der Besuch in Buchhandlung und Plattenladen besonders dann aufdrängt, wenn Geschenkgutscheine eingelöst werden müssen, kurz bevor sie verfallen. So begab es sich vor nicht allzu langer Zeit, dass ich frohen Mutes und mit dem guten Gewissen, das lokale Gewerbe zu unterstützen, wieder einmal meinen Fuss in ein Musikhaus setzte.

Da ich genau weiss, was ich will – die Neuauflage zum 25-jährigen Jubiläum von Michael Jacksons «Thriller»-Album – steuere ich zielstrebig den Buchstaben J in der Auslage an. Doch von Jackson weit und breit keine Spur, und auch bei den Neuerscheinungen werde ich nicht fündig. Das Angebot vom Personal, die Platte zu bestellen, lehne ich dankend ab. Bestellen kann ich auch selbst. Und erst noch mit Hauslieferung.

So bleibt nicht viel anderes übrig, als das zu versuchen, was die Fürsprecher aussterbender Medien gerne als Einzigartigkeit der Todgeweihten anpreisen: Dinge zu finden, von denen man gar nicht wusste, dass sie einen interessieren. Wobei ich diesem Argument noch nie folgen konnte. Weshalb sollten ausgerechnet auf der begrenzten Fläche eines Plattenladens mehr inspirierende Zufallsfunde möglich sein, als in den schier unbegrenzten, aber deshalb nicht unstrukturierten, Weiten des Internets, wo jeder Klick in aufregendes Neuland führen kann?

Nun gut. Ein Versuch ist es allemal wert. Doch nichts da von wegen Inspiration. Ein innerer Kompass zieht mich immer stärker in Richtung Ausgang. Die sicherlich wohlsortierte Auslage erscheint mir nur noch als das pure Chaos. Plötzlich überkommt es mich, raus hier, nur noch raus! Lieber den Gutschein verfallen lassen, als noch einmal in diese morbide Atmosphäre zurückkehren.

Der Abschied ist endgültig, und Schuld daran hat letztlich Michael Jackson. Hätte ich seine Platte gefunden, ich wäre bestimmt mit dem nächsten Geschenkgutschein und dem schlechten Gewissen, mit meinem Medienkonsum letztlich dem lokalen Gewerbe zu schaden, wieder in das Musikhaus zurückgekehrt.

[i] Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «klartext». Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

18.2.2008

Vom Kreis(s)saal zur Arcady Piano Bar

Von Christian Vifian um 16:00 [ Christian Vifian ]
Ihr «Kreissaal», Frau Pergoletti, hat mir zu denken gegeben. Falsch, natürlich nicht der «Kreissaal» an sich, sondern der Umstand, dass ich bis zur Lektüre Ihrer Kolumne nicht die geringste Ahnung hatte, dass es in Bern eine Bar mit diesem doch recht eigenartig klingenden Namen gibt (Kreissaal erinnert mich – trotz dem fehlenden dritten s – viel eher an eine Entbindungsstätte für werdende Mütter als an eine Bar), geschweige denn, wo diese aufzufinden wäre.

Christian Vifian (Bild Adrian Moser)Gut, dass sich mein Ego nicht nur auf die einschlägigen Kenntnisse der lokalen Barszene abstützt, sonst hätte ich jetzt ein echtes Problem mit meinem Selbstbewusstsein. Trotzdem provozierte mich diese Unkenntnis stark genug, dass ich via Internet meinen diesbezüglich blinden Fleck eliminieren wollte.

Auf der Seite BernInfo.com wurde ich fündig: «Der Kreissaal», steht da geschrieben, «ist ein Ort der Ruhe in Berns lauter Barszene. Genuss, Kommunikation und Geselligkeit stehen im Vordergrund. Der Jazz im Hintergrund lässt jederzeit ein Gespräch zu.» Der «Kreissaal» befindet sich übrigens an der Brunngasshalde 63 in Bern.

Diese Wissenslücke wäre somit dank Ihrem Artikel, liebe Frau Pergoletti, geschlossen. So weit, so gut, nur will ich nicht verschweigen, dass das Schliessen dieser Lücke auf der andern Seite noch grössere Lücken, ja Gräben aufgerissen hat, was meine heutigen Barkenntnisse angeht.

Sage und schreibe 41 Bars, inkl. «Kreissaal», werden da auf der Webseite in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet. Je länger mein Studium in Sachen Berner Barszene dauerte, desto bewusster wurde mir, dass ich über die hiesige Szenerie schlichtweg nicht mehr im Bilde bin. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass sich seit meiner «aktiven» Barzeit so ziemlich alles verändert hat. Eigentlich liegt dies ja auf der Hand, denn ich kann unmöglich beanspruchen, mit meinen 54 Lenzen immer noch die gleiche Szene wie vor dreissig Jahren anzutreffen.

Die Beschreibungen der einzelnen Bars haben mich teilweise köstlich amüsiert. Vor allem habe ich festgestellt, dass Bar nicht mehr gleich Bar ist. Jede Bar hat ihr besonderes Gesicht und spricht ganz gezielt einen speziellen Besuchertyp an. So wirbt zum Beispiel das «Art Café» bei seiner Kundschaft mit dem Slogan «Kunst und Café – ein unschlagbares Duo, das Spannung erzeugt». Kulturinteressierte, Künstler, aber auch Businessleute, die einen Hang zum Piemontesischen aufweisen, sind im «Tredicipercento» herzlich willkommen. Das «Quasimodo» dagegen spricht ein Publikum an, das jung und trendy ist. Man könne dort besonders gut neue Leute kennen lernen, Spass haben und sogar tanzen.

Und für mich persönlich, gibt es da auch ein spezielles Angebot? Folgende Beschreibung klingt sehr verlockend: «Das Vergnügen nach der Arbeit. Nach den geschäftlichen Diskussionen ermuntert die Bar zu Gesprächen und stimmt den Besucher mit Live-Piano-Musik auf einen gemütlichen Feierabend ein.» Zukünftig werde ich also meinen Feierabend in der «Arcady Piano Bar» verbringen.

[i] Christian Vifian ist Direktor der Wirtschafts- und Kaderschule KV Bern. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

14.2.2008

Shawn Fielding und ich

Von Grazia Pergoletti um 15:16 [ Grazia Pergoletti ]
Ich teile Ihre Empörung gegenüber diesen versteckten Werbestrategien, werter Herr Lüthi. Das Ganze passt prima in unsere Zeit, wie man so schön sagt: Informationen und Bilder werden uns als blanke Wahrheiten serviert, das Erkennen von Inszenierung ist demnächst verboten.

Grazia Pergoletti (Bild Franziska Scheidegger)Darum ist das Theater so wichtig, weil es bald der einzige Ort ist, der vom Publikum geradezu verlangt, Inszenierung zu erkennen. Im Theatersaal wissen alle, dass das, was geschieht, nicht echt ist, weil man live dabei ist und miterlebt, wie die Illusion fabriziert wird.

Die Beschreibung Ihres Zusammentreffens mit einem Causeur, laut Lexikon «ein (amüsanter) Plauderer», fand ich sehr amüsant, werte Frau Schaad. Mein Lieblingscauseur, ein ehemaliger Arbeitskollege, hat z.B. die Begabung, einem wunderbare Komplimente zu machen, bei denen man allerdings Stunden später auf dem Heimweg plötzlich denkt: Sag mal, ich glaube, das war gar kein Kompliment, sondern eine Beleidigung!

Dieses Talent, Pralinés mit Spitzen drin zu verschenken, fand ich immer bemerkenswert, auch aus rhetorischer Sicht.

Nun schwenke ich aber vom (amüsanten) Plauderer rüber zum faszinierenden Schweiger, auch Cowboy genannt. Denn ich war diese Woche auch an einer Art Fest, wenn man so will: Wir standen im Sonnenlicht auf dem Bremgartenfriedhof, eine riesige Gesellschaft aus Leuten jeden Alters. Das «Fest» wurde zu Ehren eines stadtbekannten Cowboys gegeben, und ich kann nicht umhin, an dieser Stelle ein paar Worte über ihn zu verlieren.

Die Rede ist von Chrigu Schwarz, Besitzer des «Kreissaals» und coolster Barkeeper der Stadt, schon zu Zeiten der legendären alten Lorenzini-Bar, damals «Quick» genannt, wo sich Punks wie auch Pelzmäntel trafen. Dieser Ort hatte etwas ziemlich Grossstädtisches, es war ein Ort, der eine gewachsene und edle Verrücktheit ausstrahlte, ein bisschen wie meine geliebte Paris-Bar in Berlin.

Ob man sich an einem Tresen alt fühlt oder ob sich die Frage nach dem Alter gar nicht stellt, Frau Schaad, hat viel mit dem Stilbewusstsein des Barkeepers zu tun. Cowboy Schwarz verfolgte seine stilistischen Vorstellungen mit einer bewundernswerten Sturheit.

Mir fallen da endlose Diskussionen ein zum Thema Leitungswasser: Leitungswasser ja, aber ausschliesslich zu Kaffee oder Whisky, lautete seine Devise. Zu etwas anderem wird kein Leitungswasser getrunken, denn: Das macht man einfach nicht, Punkt. Irgendwie zum Verrücktwerden. Irgendwie Klasse.

Natürlich bin ich nicht der einzige «Kreissaal»-Fan, nein, auch Shawn Fielding ging da immer gerne rein. Sie und ihr Gatte Thomas Borer nannten den Schuppen sogar ihren Lieblingsort in Bern, in irgendeinem Fernsehinterview war das. Ich liess mir schildern, wie Frau Fielding-Borer jeweils reinspazierte, ihren Atombusen auf der Theke platzierte und ringsherum alle Jungs verrückt machte. Leider habe ich das nie miterlebt.

Jedenfalls, Shawn Fielding und ich, wir sagen: Tschüss, geliebter Cowboy. Deine Inszenierung wird uns fehlen.

[i] Grazia Pergoletti ist freie Autorin und Schauspielerin. Unsere Kolumnist(inn)en nehmen jeweils einen zugespielten Gedanken auf und spinnen ihn weiter.

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